Peter Lindbergh. Vier Jahrzehnte Modefotografie

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Er gilt als Schöpfer der Supermodels, er ist einer der einflussreichsten Fashionfotografen unserer Zeit und er revolutionierte die Modefotografie. Sein Name: Peter Lindbergh.

Er gilt als Lieblingsfotograf der Models. Ob seiner Fröhlichkeit mutmaßte Nadja Auermann einmal, er habe wohl „als Kind die Sonne verschluckt“.¹ Karl Lagerfeld, ein früher Unterstützer Lindberghs, beschrieb dessen Vision von Frauen als „immer up-to-date, aber zugleich zeitlos“. Der opulente Bildband Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography lässt sein Werk Revue passieren.

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Der Aufstieg

Peter Lindbergh wird 1944 unweit von Breslau in Lissa im heutigen Polen geboren. Nach Flucht und Vertreibung wächst er, der damals noch Peter Brodbeck heißt, in Duisburg im Ruhrgebiet auf, die Krupp-Stahlwerke vor Augen. Lindbergh beginnt als Schaufenster-Dekorateur bei Karstadt, studiert Malerei und wird Assistent eines Werbefotografen. Der eigene Durchbruch kommt 1978 mit einer Modestrecke im Stern. Internationale Magazine wie Vogue, Harper‘s Bazaar, Rolling Stone und Vanity Fair haben ihn fortan auf dem Radar. Seine Schwarz-Weiß-Ästhetik, inspiriert durch expressionistische Filme der 1920er Jahre, erzielt weltweit Aufmerksamkeit.

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Schöpfer der Supermodels

Als Peter Lindbergh 1989 Naomi Campbell, Linda Evangelista, Tatjana Patitz, Christy Turlington und Cindy Crawford in der Innenstadt von New York ablichtet, schafft er damit nicht nur das zum Kult gewordene Vogue-Cover 1990. Er läutet damit auch die Ära der Supermodels ein. Das ikonische Foto markiert den Beginn eines neuen Modezeitalters, eines neuen Verständnisses von weiblicher Schönheit. Menschlich, berührend, wahrhaftig. Models, die nicht als bloße Objekte erscheinen.

Der Popsänger George Michael bucht die Mädchen stante pede für das Video zu seiner neuen Single Freedom! ’90. Der Musikclip, bei dem die Fab Five ihre Lippen zum Playback des Songs bewegen, beschleunigt ihren Aufstieg noch. Celebrity-Models werden Teil der Popkultur.

Wider der Hochglanzperfektion

Ob Lindberghs Models Außerirdischen begegnen, in einem Kabarett tanzen oder, inspiriert von Wim Wenders’ Kinohit Der Himmel über Berlin (1987), sich in Engel der Großstadt verwandeln; ob sie Haute Couture oder Jeans tragen – nie verliert er die Frauen selbst aus dem Blick. Bei Lindbergh tritt die Seele, nicht die Mode in den Vordergrund. „Peter Lindberghs Markenzeichen ist seine Auflehnung gegen Hochglanzperfektion“, beschreibt die britische Modekritikerin Suzy Menkes die Essenz seiner Bilder, „die ins ungeschminkte Innerste blicken, wie bekannt oder berühmt sein Model auch sein mag.“

Lindbergh & die wilde Acht

Vor 25 Jahren, im September 1991, erscheint das Album Nevermind von Nirvana. Zeitgleich das Lindbergh-Foto The Wild Ones. Die Neunziger nehmen Fahrt auf. Mit Grunge taucht auch ein neuer Modetrend auf. Supermodels wie Kate Moss, berühmt geworden durch ihre Calvin-Klein-Werbung, oder Stella Tennant passen zu jener Neudefinition von Modekultur.

Die „wilde Acht“ (unten) von links nach rechts: Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Christensen, Linda Evangelista, Claudia Schiffer, Naomi Campbell, Karen Mulder und Stephanie Seymour. Ihr Look zitiert den Film The Wild One (1953) mit Marion Brando. Die frühen 1990er Jahre machen die Supermodels berühmter als Filmstars, während der alte Hollywood-Glamour allmählich verblasst.

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

Mode & Bilderzählung

Lindberghs Marsmännchen-Shooting mit Helena Christensen für die italienische Vogue 1990 gilt als Beginn der Bilderzählung in der Modefotografie. Doch durch „Linda, Cindy, Naomi und die anderen kam ich (…) von den Bildgeschichten ab. Zehn Jahre später war es für mich an der Zeit, wieder zum Erzählen zurückzukehren und zu dem, was mich faszinierte: abstürzende Ufos, unerklärliche Lichtphänomene am Himmel, Dinge, die mysteriös sind, spirituell, aber auch witzig.“

Peter Lindbergh lebt und arbeitet in Paris, New York sowie in Arles (Südfrankreich), dereinst auch die Wahlheimat von Vincent van Gogh. Lindberghs charakteristisch monochrome Bilder, die ebenso roh wie verführerisch anmuten, sind Teil der ständigen Sammlung zahlreicher Kunstmuseen.

Peter Lindbergh Retrospektive

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography zeugt von einer ungebrochenen Schaffensfreude. Das Buch enthält mehr als 400 Fotografien und erscheint parallel zur großen Lindbergh-Retrospektive in der Kunsthal Rotterdam.

Der Prachtband ist als mehrsprachige Ausgabe (Deutsch, Englisch, Französisch) im Taschen Verlag erschienen. Hardcover (23,9 x 34 cm), 524 Seiten. € 59,99. Erhältlich bei amazon.de.

 

Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography

¹ Vgl. stern.de.

 

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