Arne Jacobsen in Hamburg, City Nord

Arne Jacobsen in Hamburg | Vattenfall Haus

Arne Jacobsen in Hamburg: Vier Scheiben, 153 Meter lang, knapp 45 Meter hoch, eingeweiht 1969, stellt das HEW-Haus in Hamburg eine Art „Best of Arne Jacobsen“ dar.

In Hamburg verwirklichte Arne Jacobsen (1902–1971) sein größtes und letztes Bauvorhaben, dessen Fertigstellung er noch selbst erleben sollte: das HEW- und heutige Vattenfall-Haus. Bewährte architektonische Lösungen einer außergewöhnlichen, annähernd 50jährigen Gestaltungskarriere verschmolzen zu einer neuen harmonischen Einheit im Verwaltungsbau. Von der Fassade über die Möblierung bis hin zur Uhr, zum Türknauf verkörpert das Spätwerk die Idee von Architektur als Gesamtkunstwerk.

Der Empfangsbereich

Zum Haupteingang führt eine Pergola. Besucher, die das Gebäude zum ersten Mal betreten, dürften überrascht sein ob des hanseatischen Understatements. In Anbetracht der Größe des Hauses mutet der Empfang im westlichen Seitenflügel bescheiden an. Ein heller Marmorboden (italienischer Zandobbio), die Wandtäfelung aus Schweizer Birnbaum (Arne Jacobsens Lieblingsholz), und das Mobiliar versprühen gleichsam den zeitlosen Charme der Moderne. Im Eingangsbereich finden sich zwischen Pflanzengruppen ikonische Ledersessel des Typs Schwan. Eine AJ Bankers Clock zeigt die Uhrzeit an.

Das Untergeschoss

Im Kantinengeschoss, direkt unter dem Parkdeck für Besucher, ließ Arne Jacobsen sieben rechteckige sowie drei zylindrische Pflanzenkästen mit natürlichem Oberlicht installieren. In das Untergeschoss mit seinen verborgenen technischen Einrichtungen, einem Vortragsaal und der Betriebskantine gelangen Gäste des Hauses über eine Besuchertreppe in luftiger Hängekonstruktion.

Vattenfall Haus, Arne Jacobsen in Hamburg
Oberlicht im Untergeschoss. Arne Jacobsen in Hamburg.

Der Vortragsaal

Das Auditorium – von Mitarbeitern scherzhaft „Aquarium“ genannt – ist ein transparenter Raum im Raum. Die Wände des großzügig abgesenkten Teils sind verkleidet mit Naturstein. Im oberen Bereich befindet sich die holzvertäfelte Dolmetscherkabine. Bestuhlung: gepolsterte Sitze der erfolgreichen Serie 7. Allein der Farbton ist heute ein anderer als zu Jacobsens Zeiten (Violett statt Gelbgrün). Bei Bedarf lässt sich der Saal durch blickdichte graugrüne Vorhänge abschirmen.

Vortragssaal Vattenfall Haus, Hamburg, Arne Jacobsen
Der Vortragssaal, konzipiert von Arne Jacobsen.

Das Betriebsrestaurant

Marmor-Fußboden, eine einheitliche Wandverkleidung aus Schweizer Birnbaum und Stühle der Siebenerserie aus Buchenholz, einige davon sogar noch Originale, schaffen eine behagliche Atmosphäre von zeitloser Eleganz. Nur eine Glaswand trennt Foyer und Speisesaal. Obschon unterirdisch gelegen, erhält das Restaurant Tageslicht. Hinter einer breiten Fensterfront erhebt sich ein idyllischer Terrassengarten mit Wasserbecken und Sichtbetonmauern. Vom Untergeschoss geht es jetzt hoch hinaus.

Arne Jacobsen in Hamburg | Vattenfall Haus
Das Betriebsrestaurant mit Stühlen der Serie 7.

Die Korridore

Flache runde Deckenleuchten, leicht an den Rand versetzt, illuminieren die Flure. Der ursprüngliche Bodenbelag (grünblaues Linoleum) wurde später durch Teppich ersetzt. Hier die Nord-Süd-Achse.

Arne Jacobsen in Hamburg | Vattenfall Haus
Künstler der Renaissance hätten ihre Freude gehabt an dieser Flucht.

Die Zeitkapsel

Im 11. Obergeschoss des Vattenfall-Hauses befindet sich das „historische Büro“ Gepolsterte Armlehnstühle der Serie 7 gehörten einst zur Büroausstattung eines Abteilungsleiters.

Arne Jacobsen in Hamburg | Vattenfall Haus
Zeitkapsel im Vattenfall Haus in Hamburg. Das historische Büro.

Der Sitzungssaal des Vorstands

Im Südflügel des neunten Stockwerks befinden sich die Räume für den Vorstand. Der vertäfelte Sitzungsraum ist heute denkmalgeschützt. Das Zimmer beherrscht ein ovaler Konferenztisch von Arne Jacobsen mit Stühlen von Walter Knoll.

Arne Jacobsen. Klare Kante

Ein für Arne Jacobsen zentrales Thema am Bau stellte die Fassade dar. Seine Lösung: ein filigranes Raster aus 6.500 Fensterscheiben. Die Fassade spiegelt das Spiel der Wolken wider. Gläser im Farbton „Parsol Bronze“ absorbieren 70 % der Sonneneinstrahlung bei nahezu unverfälschtem Blick nach außen. Die Brüstungen treffen den gleichen Farbton. Die einheitlich dunkle Fassade kontrastieren helle Natursteinplatten. Notwendige Dachaufbauten versteckte der Architekt hinter einer zwei Meter hohen Attika. Ergebnis: klare Kante.

City Nord

1961 startete das einst größte Bauvorhaben Europas, die Errichtung der Bürostadt City Nord. Als erstes Unternehmen wählte die Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) ein gut zu erreichendes Grundstück am Überseering, das mit 40.000 Quadratmetern größte Areal, das die Stadt veräußerte. Der vorgeschriebene Wettbewerb brachte 1962 zwar keinen Sieger, kurioser Weise jedoch vier zweite Plätze hervor. Die vier ausgezeichneten Bewerber gingen abermals ins Rennen. Arne Jacobsen setzte sich durch. „Wir waren sehr glücklich darüber“, erinnert sich Zeitzeuge Werner Gebauer, damals als Vorprüfer beteiligt, „dass so ein berühmter Mann wie Arne Jacobsen in Hamburg tätig wurde.“¹

Arne Jacobsen in Hamburg

Arne Jacobsen habe gut deutsch gesprochen, erinnert ist sich Zeitzeuge Werner Gebauer, „aber machte nicht viele Worte. Er hatte eine Scheu vor vielen Menschen und vor öffentlichen Ansprachen. Seine Reden waren daher immer kurz und beschränkten sich auf das Wesentliche. Sie verrieten Geist und Humor. Während Besprechungen war sein Zeichenstift ständig beim Skizzieren von Gedanken oder Formvorstellungen, oder seine Hände formten etwas, zum Beispiel aus einem Stück Stanniolpapier einen hübschen kleinen Schwan.“

Und weiter: „Er rauchte meistens Pfeife. Seine größte Liebe aber galt der Landschaft, der Natur. Er kannte die Namen sämtlicher Bäume, Hölzer, Sträucher, Stauden und Gräser. Ich habe seine Freude erlebt, wenn er in Planten und Blomen bei strömendem Regen eine ganz bestimmte unscheinbare Pflanze entdeckte und sich den Namen gleich in sein winziges Notizbuch schrieb.“²

Arne Jacobsen
Arne „Ich ersticke an Ästhetik“ Jacobsen.

Vattenfall-Haus besichtigen

Arne Jacobsen in Hamburg. Regelmäßig finden Führungen durch das Vattenfall-Haus statt. Wolfgang Weiß, 2003 selbst an der Ausstellung Arne Jacobsen. Absolut modern beteiligt, nimmt dich mit auf eine spannende Zeitreise. Hier findest du die kommenden Termine.


  • ¹ „Arne Jacobsen – Form & Funktion: Das Vattenfall-Haus in Hamburg“; Herausgeber: Vattenfall Europe Business Services GmbH 2011; S. 21
  • ² „Arne Jacobsen – Form & Funktion: Das Vattenfall-Haus in Hamburg“; S. 25
  • Porträtfoto von Arne Jacobsen via Wikimedia Commons [Public domain]
  • Beitragsbild und Impressionen: le-style.de